Hinter schulischen Leistungen verbergen sich oft Lebensrealitäten, die im Unterricht kaum sichtbar werden. Viele Jugendliche tragen neben ihren schulischen Anforderungen Verantwortung, die weit über das hinausgeht, was von Gleichaltrigen erwartet wird. Wer junge Menschen auf ihrem Bildungs- und Berufsweg begleiten möchte, muss deshalb nicht nur ihre Leistungen sehen, sondern auch ihre individuellen Lebenssituationen verstehen.
Eine Schülerin aus Somalia steht beispielhaft für die Herausforderungen, mit denen manche Jugendliche neben der Schule konfrontiert sind. Als einziges Mädchen unter acht Geschwistern übernimmt sie täglich Verantwortung im Haushalt und für ihre Familie. Gleichzeitig engagiert sie sich als Wertebotschafterin an ihrer Schule und verfügt über großes Potenzial. Die hohe Verantwortung und die Erwartungen ihrer Familie an ihre Zukunft stellen sie immer wieder vor Herausforderungen. In unserem Kurs stärken wir sie darin, an ihre eigenen Fähigkeiten zu glauben, ihren persönlichen Weg selbstbewusst zu verfolgen und ihr Ziel einer Ausbildung in der Pflege nicht aus den Augen zu verlieren.
Solche Geschichten aus unserem Arbeitsalltag verdeutlichen, dass berufliche Orientierung weit mehr umfasst als die Entscheidung für einen Ausbildungsplatz. Jugendliche brauchen Menschen, die ihre Stärken erkennen, ihre Lebensrealitäten ernst nehmen und sie darin bestärken, ihre Zukunft selbst zu gestalten.
HERAUSFORDERUNGEN SCHRITT FÜR SCHRITT BEWÄLTIGEN
Der Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf gehört zu den prägendsten Entwicklungsphasen im Leben junger Menschen. In kurzer Zeit müssen sie Entscheidungen treffen, die ihren weiteren Bildungs- und Lebensweg beeinflussen. Gleichzeitig erleben viele Jugendliche eine Vielzahl weiterer Herausforderungen: Prüfungsdruck, Berufsorientierung, Bewerbungen, familiäre Verantwortung, finanzielle Sorgen oder psychische Belastungen.
Für viele Jugendliche erscheint insbesondere der Qualifizierende Mittelschulabschluss zunächst wie ein kaum zu bewältigender Berg. Um diese Erfahrung sichtbar und greifbar zu machen, arbeiteten wir im Rahmen unseres Angebots „Übergang Schule – Beruf: GMS geht weiter!“ mit einem großen, verknoteten Seilknäuel.
Gemeinsam wurde deutlich: Was auf den ersten Blick unlösbar wirkt, lässt sich entwirren, wenn man Schritt für Schritt vorgeht. Diese Erkenntnis übertrugen die Jugendlichen auf ihre eigenen schulischen und persönlichen Herausforderungen.
Ergänzend vermittelten wir einfache Methoden der Stressregulation. Die Übungen halfen den Teilnehmenden dabei, in belastenden Situationen zur Ruhe zu kommen, ihre Gedanken zu ordnen und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. So entstanden konkrete Erfahrungen von Selbstwirksamkeit – eine wichtige Grundlage für einen erfolgreichen Bildungs- und Berufsweg.
PRÜFUNGSANGST ÜBERWINDEN UND SELBSTVERTRAUEN STÄRKEN
Ein besonders eindrückliches Beispiel für den Umgang mit Prüfungsangst ist die Geschichte von Jennifer* aus der 8. Klasse. Nach einem Blackout in einer Mathematikprobe wandte sie sich mit starker Prüfungsangst an unsere Projektleiterin Natalie Ludwig-Stöhr. Im vertraulichen Gespräch schilderte sie ihre Angst vor dem Versagen sowie den Druck, den sie durch hohe Erwartungen aus ihrem Umfeld empfand.
Im Rahmen eines freiwilligen Einzelcoachings wurden gemeinsam einfache, körperorientierte Strategien zur Angstregulation entwickelt. Mithilfe des Kartensets „Ich schaf(f) das!“ von Dr. Claudia Croos-Müller lernte Jennifer, gezielt Übungen auszuwählen, die ihr in belastenden Situationen helfen. Ergänzend erhielt sie praktische Impulse zu Atmung, Körperhaltung und Entspannungstechniken.
Bereits nach kurzer Zeit zeigten sich positive Veränderungen. Die starke Anspannung vor Prüfungen nahm spürbar ab, und Jennifer berichtete von einer deutlichen emotionalen Entlastung.
»Besonders erfreulich war, dass sie zunehmend offen über ihre Erfahrungen sprach und konkrete Strategien benennen konnte, die ihr halfen, mit Nervosität umzugehen. Auch ihr Blick auf die eigenen Fähigkeiten veränderte sich.«
Natalie Ludwig-Stöhr, GMS-Projektleiterin
Trotz weiterhin bestehender Herausforderungen im Fach Mathematik definierte sie sich nicht länger ausschließlich über Misserfolge. Zudem entwickelte sie eine größere Bereitschaft, bei Bedarf Unterstützung anzunehmen. Dass sie sich eigenständig und freiwillig an unsere Kursleitung gewandt hat und dies jederzeit wieder tun würde, zeigt eine gestärkte Selbstwirksamkeit und ein wachsendes Vertrauen in unterstützende Beziehungen.
Beziehung als Schlüssel zum Erfolg: Manchmal tragen Jugendliche weit mehr als einen Schulranzen – und genau deshalb brauchen sie Menschen, die ihnen ein Stück des Weges verlässlich zur Seite stehen.
*Name geändert.


