← zurück

UNSER ABEND MIT
PROF. DR. ALADIN EL-MAFAALANI

AUF DER TITANIC DER GESELLSCHAFT: WIE KINDER HEUTE AUFWACHSEN UND WAS SIE BRAUCHEN

IHR PLATZ IST HEUTE GEMÜTLICHER ALS DER IHRER GROßELTERN. ABER WAS BRINGT DER BESTE PLATZ, WENN DAS SCHIFF SINKT?

Mit diesem eindrücklichen Bild eröffnete Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani am 26. Februar 2026 seinen Vortrag im Literaturhaus München.
Die Veranstaltung „Ein Abend mit Aladin El-Mafaalani“ fand auf Einladung von Gesellschaft macht Schule statt und markierte zugleich den Auftakt unserer neuen Kooperation mit dem Literaturhaus München. Moderiert wurde der Abend von Özlem Sarikaya vom Bayerischen Rundfunk.

Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einem digitalen Grußwort der Bürgermeisterin der Landeshauptstadt München und Schirmherrin des Abends, Verena Dietl. Sie würdigte das Engagement von Gesellschaft macht Schule für mehr Bildungsgerechtigkeit und unterstrich die Bedeutung von Vertrauen, Teilhabe und starken Netzwerken für den gesellschaftlichen Zusammenharung.

WENN VERTRAUEN VERLOREN GEHT

Unsere Gesellschaft steht unter Druck. Krisen, soziale Ungleichheit und ein spürbarer Vertrauensverlust prägen das Zusammenleben. Besonders Kinder und Jugendliche erleben die Folgen: Frühe Erfahrungen von Unsicherheit und fehlender Verlässlichkeit beeinflussen, wie sie Bildung, staatliche Institutionen und Gesellschaft wahrnehmen.

Im Mittelpunkt des Abends stand deshalb die Frage: Wie hängen gesellschaftlicher Vertrauensverlust und das Aufwachsen von Kindern zusammen – und welche Verantwortung erwächst daraus für Politik, Bildung und Zivilgesellschaft?

VERTRAUEN ENTSTEHT IN BEZIEHUNGEN

Für Aladin El-Mafaalani beginnt die Antwort mit Vertrauen. Moderne Gesellschaften leben davon, dass Menschen einander und ebenso den Institutionen vertrauen, die das Zusammenleben tragen. Geht dieses Vertrauen verloren, wachsen Unsicherheit, Polarisierung und Rückzug.

Kinder erleben diese Entwicklung in besonderer Weise: Sie haben heute mehr Möglichkeiten als frühere Generationen, wachsen aber zugleich in einer Zeit voller Krisen und Zukunftssorgen auf. Mit der Metapher vom „guten Platz auf der Titanic“ machte Aladin El-Mafaalani diesen Widerspruch sichtbar.

»Heute glaubt niemand mehr, dass es gut wird. […] Kinder wachsen auf mit einer Mentalität, dass wir verlieren.«

Aladin El-Mafaalani

Umso wichtiger werden Orte, an denen Kinder und Jugendliche Verlässlichkeit, Orientierung und stabile Beziehungen erleben.

SCHULEN ALS ZENTRALE LEBENSORTE

Die Lebensrealität von Kindern verändert sich grundlegend. Eine der prägnantesten Aussagen von Aladin El-Mafaalani lautete:

»Bildungsinstitutionen müssen zum Teil Familien ersetzen.«

Aladin El-Mafaalani

Früher sei das Bildungssystem vor allem deshalb ungerecht gewesen, weil es einen Teil der Kinder nicht erreicht habe. Heute verschiebe sich die Herausforderung: Immer mehr Familien könnten die Voraussetzungen, die das Bildungssystem voraussetzt, nicht mehr erfüllen. Deshalb müsse sich nicht nur die Familie, sondern auch das System selbst verändern.

»Kinder verbringen heute bereits mehr wache Zeit in der Grundschule als mit ihren Eltern. Bildungsinstitutionen werden damit immer stärker zu den Orten, an denen Kindheit stattfindet.«

Aladin El-Mafaalani

Schulen sind längst nicht mehr nur Orte der Wissensvermittlung. Sie sind zentrale Lebensorte geworden, an denen Kinder einen großen Teil ihres Alltags verbringen. Damit verändert sich die Rolle von Schulen und Kitas grundlegend.

Die entscheidende gesellschaftliche Frage lautet deshalb: Wie müssen diese Orte gestaltet sein, damit Kinder dort nicht nur lernen, sondern sich auch sicher, gesehen und zugehörig fühlen?

WAS DAS FÜR UNSERE ARBEIT BEDEUTET

Dazu Ilka Ann Wörner, Geschäftsführerin von Gesellschaft macht Schule:

»Für uns bei GMS besonders relevant war seine Einordnung der Rolle von Bildungsinstitutionen in einer sich verändernden Gesellschaft. Wenn soziale Stabilität brüchiger wird, verschieben sich Erwartungen an Schule. Es geht nicht darum, Familie zu ersetzen. Aber es geht darum, Funktionen mitzutragen, die für Entwicklung zentral sind: Verlässlichkeit im Alltag, Zugehörigkeit, kontinuierliche Beziehung zu Erwachsenen, Zeit, Orientierung und das Erleben von Wirksamkeit.«

Schule allein kann das nicht leisten! Gerade im Ganztag entstehen tragfähige Strukturen dort, wo verlässliche Kooperationspartner langfristig im System verankert sind. 

GMS arbeitet genau an dieser Schnittstelle. Unsere Teams begleiten Kinder über Jahre hinweg im Schulalltag, in kleinen Kontexten, mit individueller Aufmerksamkeit. Wir verbinden Lebenswirklichkeit mit Bildung – über Musik, Kunst, Bewegung, Sport und soziale Erfahrungsräume. Kinder erleben kontinuierliche Bezugspersonen, die präsent bleiben, auch wenn es schwierig wird. Die Wirksamkeit sichern wir durch fortlaufende Weiterbildung und Supervision unserer Fachkräfte und durch die Evaluation und wissenschaftliche Begleitung durch die LMU München.

EIN ABEND MIT NACHHALTIGEN IMPULSEN

Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Stadtgesellschaft, Wirtschaft, Verwaltung, Jugendhilfe, Wissenschaft und Presse sowie zahlreiche engagierte Bürgerinnen und Bürger waren an diesem Abend im Literaturhaus zu Gast. Aladin El-Mafaalanis differenzierte Perspektive auf Bildung und gesellschaftlichen Zusammenhalt bereicherte den öffentlichen Diskurs in München und setzte wichtige Impulse weit über den Abend hinaus.

Die Frage nach dem „guten Platz auf der Titanic“ blieb an diesem Abend bewusst unbeantwortet. Denn die eigentliche Botschaft lautete: Entscheidend ist nicht, wo Kinder auf dem Schiff sitzen – sondern ob wir als Gesellschaft bereit sind, den Kurs zu ändern.

Vertrauen entsteht dort, wo Kinder gesehen werden, verlässliche Beziehungen erleben und echte Zukunftsperspektiven erhalten.

Einen Einblick zum Abend bietet der Beitrag des Bayerischen Rundfunks vom 19.06.2026:
BR-Beitrag von Özlem Sarikaya